Gewaltige Deckungslücke: 500.000 Unternehmen haben kritische Pensionszusagen in der Bilanz

08.10.2012 08:00

Thorsten Kircheis, Vorstand der Berliner diz AG, im Interview zu Risiken und Lösungen

Pensionszusagen für Geschäftsführer und leitende Mitarbeiter waren in den Achtzigern und Neunzigern eine gern benutze Art der betrieblichen Altersversorgung – konnte man mit ihnen doch die dringend erforderliche Absicherung des Alters erreichen. Außerdem hatten Unternehmen damals einen attraktiven steuerlichen Vorteil. Jetzt macht Thorsten Kircheis, Vorstand der Berliner diz AG, deutlich: „Damals war es ein Segen – heute ist es ein Fluch!“ Im Interview zeigt er die Eckpunkte der anstehenden Probleme und notwendigen Änderungen.

 

Woran liegt es, dass diese Zusagen heute zunehmend kritisch gesehen werden und den Unternehmen sehr viele Sorgen bereiten?

 

Kircheis: Den ungefähr 230 Milliarden Euro Pensionsverpflichtungen in der Steuerbilanz – in der Handelsbilanz sind dies nochmals 10 bis 40 % mehr – stehen nur ca. 150 Milliarden Euro Vermögenswerte gegenüber. Mehr als 80 Milliarden fehlen damit zur Ausfinanzierung der Verpflichtungen. Das bedeutet in der Praxis, dass in fast jedem Unternehmen 30 bis 50 % Kapital fehlt, um zumindest die Rückstellungen steuerbilanziell abzudecken. Es klafft also bereits heute eine große Lücke.

 

Woraus resultiert diese Deckungslücke?

 

Kircheis: Die Versicherer damals höhere Renditen von bis zu 7 % optimistisch in den zugrunde gelegten Berechnungen angesetzt. Tatsächlich werden heute jedoch nach Kosten und Risikobeiträgen nur etwa 1,5 bis 2,5 % nach Kosten durch die Versicherer erwirtschaftet.

 

Warum haben viele Unternehmer die bestehenden Probleme bisher nicht ausreichend erkannt?

 

Kircheis: Das ist verständlich. Pensionszusagen werden häufig unterschätzt und leider oft mit der Rückdeckungsversicherung verwechselt. Über zehn Rechtsgebiete berühren die Pensionszusage. In den letzten Jahren ist die Rechtsprechung durch diverse BGH-/ BFH-Urteile und BMF-Schreiben/ OFD-Verfügungen unübersichtlich geworden, so dass der Unternehmer, oft aber auch der Steuerberater, vor diesem ‚Dschungel’ kapituliert.

 

Gibt es Möglichkeiten, den bedrohlichen Tendenzen zu begegnen?

 

Kircheis: Natürlich macht es keinen Sinn, wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand zu stecken. Vielmehr ist es wichtig, dem Ganzen aktiv gegenzusteuern. Der erste Schritt ist natürlich ein Gespräch mit dem Unternehmer und/oder seinem Steuerberater, in dem die Probleme und Risiken besprochen und Lösungsvorschläge aufgezeigt werden. So wird eine Entscheidungsgrundlage erarbeitet, die dem Unternehmen alle betriebswirtschaftlich notwendigen Kennzahlen aufbereitet. Im zweiten Schritt wird im Rahmen einer gutachterlichen Stellungnahme die bestehende Altzusage auf ‚Herz und Nieren’ gecheckt. Von derzeit 20 wöchentlich geprüften Zusagen sind im Durchschnitt 19 mit mindestens zwei, oft mehreren gravierenden Fehlern behaftet, die existenzbedrohend für das Unternehmen sein können und zu enormen steuerlichen Belastungen führen würden. Die diz AG stellt dazu bundesweit im Rahmen einer interdisziplinären Arbeitsgruppe Steuerberatern wie Unternehmern Know-how zur Verfügung, um über geeignete Maßnahmen die Finanz- und Bilanzierungsrisiken zu beseitigen.

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